Sinkende Baufertigstellungszahlen, leicht ansteigende Baugenehmigungen, die aber deutlich hinter dem Bundestrend zurückbleiben – der hessische Wohnungsmarkt bleibt in vielen Regionen angespannt. Der Verband der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft (VdW südwest) fordert von der Politik deswegen Vorfahrt für den Wohnungsbau.
Dr. Axel Tausendpfund, Vorstand VdW südwest, sagt: „Allen Menschen ein Zuhause zu ermöglichen, das sie sich leisten können, ist nicht nur die Voraussetzung für ein gutes soziales Miteinander. Eine ausreichende Anzahl an Wohnungen ist auch die unverzichtbare Grundlage für wirtschaftliches Wachstum und allgemeinen Wohlstand. Viele Unternehmen suchen händeringend qualifiziertes Personal, aber ohne bezahlbare Wohnungen im Umfeld können attraktive Arbeitsplätze nicht besetzt werden.“
Wie groß der Bedarf an Wohnraum ist, zeigen die Analysen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR): Demnach werden in Hessen bis 2030 jährlich über 26.000 Wohnungen benötigt, vor allem in kreisfreien Städten und Großstädten.
Hessen hinkt hinterher
Wie weit die aktuellen Zahlen von diesem Bedarf entfernt sind, zeigt sich deutlich: Die Baugenehmigungszahlen sind im ersten Halbjahr 2026 zwar um 3,7% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum angestiegen. In absoluten Zahlen bedeuten die 8.025 Genehmigungen jedoch ein sehr niedriges Niveau. Hinzu kommt: Auf Bundesebene ist im gleichen Zeitraum ein deutlich höheres Plus von 15,1% zu verzeichnen. Eine Entwicklung, die Tausendpfund kritisiert: „Als eines der wirtschaftsstärksten Länder darf es nicht der Anspruch von Hessen sein, so weit hinter dem Bundestrend hinterher zu hinken.“
Der Blick auf die Baufertigstellungen fällt noch ernüchternder aus. Die Zahl sank 2025 von 17.977 auf 15.542 und damit um 13,5%. Tausendpfund bereitet diese Entwicklung große Sorge. Er sagt: „Schon jetzt gibt es viel zu wenig Wohnungen. Die Baufertigstellungen reichen bei weitem nicht aus, daran etwas zu ändern. Und da auch nicht genügend neue Baugenehmigungen erteilt wurden, ist die Perspektive auf mehr Wohnungen in der Zukunft ebenfalls düster.“
Bauen sei im Moment einfach viel zu teuer. Allein im vergangenen Jahr sind die Preise für Bauleistungen um 3,3% und für Instandhaltungsleistungen um 4,1% gestiegen – und die Steigerungen durch den Krieg im Iran sowie das Niedrigwasser für die Binnenschifffahrt sind da noch gar nicht eingerechnet. Seit 2019 haben die Baukosten um mehr als 50% zugelegt. Zum Vergleich: Die allgemeine Preissteigerung lag im vergangenen Jahr bei 1,9% und ist seit 2019 „nur“ um 23,7% angewachsen.
Mieten deutlich unter dem Durchschnitt
Um kostendeckend zu bauen, müssten Wohnungen zu Quadratmeterpreisen von 18 bis 22 Euro vermietet werden – Preise, die nicht dem Selbstverständnis der sozial-orientierten Wohnungswirtschaft entsprechen. Mit 8,11 Euro pro Quadratmeter halten die im Verband organisierten Wohnungsbauunternehmen ihre durchschnittliche Nettokaltmiete weiter deutlich unter dem hessischen Durchschnitt.
Tausendpfund betont: „Unsere Unternehmen sind Garanten für faire Mieten. Wenn sie nicht mehr in der Lage sind, neuen Wohnraum zu schaffen, leidet darunter die Mitte der Gesellschaft, aus der sich viele Menschen keine teuren Wohnungen leisten können.“
Politik muss Verantwortung übernehmen
Deswegen fordert er von der Politik, mehr Verantwortung zu übernehmen. Mit der Novellierung der Hessischen Bauordnung sei von der Landesregierung ein guter Weg eingeschlagen worden, um Bauen wieder schneller, einfacher und günstiger zu machen. Der Entwurf des Baupakets II enthalte einige sinnvolle Verbesserungen. Jetzt gehe es darum, die Vorschläge eins zu eins umzusetzen und ohne Verwässerung im Parlamentarischen Verfahren in Gesetzesform zu gießen.
Tausendpfund verweist jedoch darauf, dass dem Wohnungsbau auch auf Bundesebene Priorität eingeräumt werden muss: „Der Gebäudetyp E muss nun endlich rechtlich geregelt werden. Es ist weder nachvollziehbar noch akzeptabel, dass die Branche seit fast zwei Jahren auf ein entsprechendes Gesetz wartet und damit einfacheres, schnelleres und günstigeres Bauen verhindert wird.“
Schwierige Fördersituation
Mit Blick auf den Klimaschutz kritisiert Tausendpfund die Reduzierung der Förderprogramme: Nachdem in Hessen entschieden wurde, energetische Modernisierungen bei geförderten Wohnungen künftig nicht mehr zu fördern, wurde wenig später auch die Bundesförderung für effiziente Gebäude signifikant gesenkt. „Wohnungsunternehmen haben über Jahre mit großem Aufwand geplant, gerechnet und nach Lösungen gesucht, die Klimaschutz und bezahlbare Mieten miteinander verbinden. Diesen Planungen wird nun praktisch über Nacht der Boden unter den Füßen weggezogen. Der Bund und das Land Hessen sind jetzt aufgefordert gegenzusteuern und mit zielgerichteten Programmen Klimaschutz und bezahlbares Wohnen für die Mieterinnen und Mieter zu gewährleisten.“
Debatte um Vergesellschaftung ist fatal
Auch die Debatte über eine Vergesellschaftung privater Wohnungsunternehmen in Berlin sei fatal, da sie unnötig zusätzliche Verunsicherung in den Markt bringe und Investitionen in den Wohnungsmarkt verhindere. Tausendpfund sagt: „Eine Verstaatlichung schafft keine einzige neue Wohnung. Sie verhindert vielmehr Neubau, weil Entschädigungen in zweistelliger Milliardenhöhe fällig werden, die dann für entsprechende Investitionen fehlen.“ Wenn die Verlässlichkeit von Eigentumsrechten infrage stehe, stiegen zudem die Risikoaufschläge für Immobilienkredite, so dass die Handlungsfähigkeit von Wohnungsunternehmen deutlich eingeschränkt würde.
Tausendpfund resümiert: „Die Devise der Politik muss lauten: Klare Vorfahrt für den Wohnungsbau, damit wieder mehr bezahlbare Wohnungen entstehen.“
